Dieses Haus bildet mit den Nachbarhäusern Kirchstrasse 25 und 27 die Südseite eines kleinen Platzes. Sie haben einen hohen Stellenwert im Gottlieber Ortsbild. Heute sind alle drei geschmackvoll und eindrücklich restauriert .
Haus Kirchstrasse 23 soll das älteste der drei sein; Albert Knoepfli schätzte das Baujahr auf ca 1640.
Die jetzigen Besitzer haben die Liegenschaft aus einem Dornröschenschlaf geweckt und mit den Restaurationen 1988 und 1992 sehr viel vom alten Charme wieder aufleben lassen.
Wenn man in der lichtdurchfluteten Küche im Erdgeschoss sitzt, kann man sich nur schwer vorstellen, dass da Ende des 19.Jahrhunderts eine Wand eine kleine Schlafkammer — gerade gross genug für ein Bett und einen Stuhl — abgetrennt hat. Diese Kammer benutzte der Hausherr, der auch das Amt des Sigrists versah, wenn er früh morgens die Glocken der Gottlieber Kirche zu läuten hatte und beim Aufstehen nicht die ganze Familie wecken wollte. Ja, wer weiss, vielleicht stimmt diese Begründung sogar. Vielleicht war man aber auch bei anderen Gelegenheiten froh, wenn ein kleines Séparée zur Verfügung stand. (Honi soit qui mal y pense!)
Schön auch zu sehen, dass auch von der Denkmalpflege als ‘wertvoll’ eingestufte Häuser, den heutigen Bedürfnissen der Bewohner angepasst werden dürfen.
Wer findet im obigen Bildervergleich wesentliche Unterschiede? — Nehmen Sie doch das Bild weiter unten zu Hilfe. Es zeigt die Häuser Kirchgasse 23 und 25 während des Hochwassers im Jahre 1906.
1856 wurde das Haus in zwei Wohnhälften geteilt, es gab fortan also zwei Besitzer. 1926 kaufte Emil Seifert erst den einen und 1933 dann den anderen Teil.
Seine Tochter, das Frl. Seifert (ja das durfte, ja musste man damals sogar so sagen), das Fräulein Seifert also, durfte in den dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts keinen Beruf lernen, blieb aber ledig und erbte letztendlich die väterliche Liegenschaft . Sie verdiente ihren Lebensunterhalt mit Hilfsarbeiten in der Hüppenfabrik Gottlieben oder als Hilfe bei Schuh Haberer in Kreuzlingen. Zudem vermietete sie im Parterre eine Wohnung an italienische Gastarbeiter. So kam sie, bescheiden, wie sie war, einigermassen über die Runden.
Dann aber kam die Zeit, als sie über den Verkauf des grossen Hauses nachdachte. Vieles stand an: Die Hüppenfabrik wollte gerne an der Westseite ein neues Fabrikgebäude erstellen, das Haus hatte gehörigen Renovationsbedarf und ein Ehepaar grosses Interesse an einem Kauf. So kam es, dass Frl. Seifert verkaufte.
Sie, die nie gross Geld besessen hatte, konnte mit Bankauszügen nicht viel anfangen. Sie sah wohl die Zahlen, aber nach dem Motto: Nur Bares ist Wahres, äusserte sie den Wunsch, ihr Geld zu sehen. Die neuen Besitzer, die dem Frl. Seifert ein Wohnrecht eingeräumt hatten, merkten bald, dass ihr mit diesem Wunsch sehr ernst war. So kam es, dass Frl. Seifert von den neuen Besitzern im November 1987 nach Schalterschluss zur Raiffeisenbank Tägerwilen gefahren wurde und vom neuen jungen Bankverwalter die Kaufsumme auf den Tisch gestapelt bekam! Jetzt konnte sie sich davon überzeugen, dass sie — für ihre Verhältnisse — reich war, konnte ihr Geld in die Finger nehmen und zur Beruhigung des Bankverwalters dann aber wieder artig zur Aufbewahrung geben und es nicht mit nach Hause nehmen.
Frl. Seifert war jetzt also eine reiche Frau und ab dato benahm sie sich auch so! Nein, nicht übertrieben und verschwenderisch! Sicher nicht! Aber sie benahm sich so, wie in ihren Augen eine reiche Frau sich benimmt: Sie speiste jeden Sonntag in der Drachenburg oder im Waaghaus.
Als eine der ersten Mieterinnen bezog sie dann eine kleine Wohnung im neuen Bindersgarten und ist wenige Jahre später leider viel zu früh verstorben.