Kirchstrasse 23 Gottlieben

Die­ses Haus bil­det mit den Nach­bar­häu­sern Kirch­stras­se 25 und 27 die Süd­sei­te eines klei­nen Plat­zes. Sie  haben einen hohen Stel­len­wert im Gott­lie­ber Orts­bild. Heu­te sind alle drei geschmack­voll und ein­drück­lich restau­riert .
Haus Kirch­stras­se 23 soll das ältes­te der drei sein; Albert Knoepf­li schätz­te das Bau­jahr auf ca 1640.
Die jet­zi­gen Besit­zer haben die Lie­gen­schaft aus einem Dorn­rös­chen­schlaf geweckt und mit den Restau­ra­tio­nen 1988 und 1992 sehr viel vom alten Charme wie­der auf­le­ben lassen.

1982 — verputzt

2017

Wenn man in der licht­durch­flu­te­ten Küche im Erd­ge­schoss sitzt, kann man sich nur schwer vor­stel­len, dass da Ende des 19.Jahrhunderts eine Wand eine klei­ne Schlaf­kam­mer — gera­de gross genug für ein Bett und einen Stuhl — abge­trennt hat. Die­se Kam­mer benutz­te der Haus­herr, der auch das Amt des Sig­rists ver­sah, wenn er früh mor­gens die Glo­cken der Gott­lie­ber Kir­che zu läu­ten hat­te und beim Auf­ste­hen nicht die gan­ze Fami­lie wecken woll­te. Ja, wer weiss, viel­leicht stimmt die­se Begrün­dung sogar. Viel­leicht war man aber auch bei ande­ren Gele­gen­hei­ten froh, wenn ein klei­nes Sépa­rée zur Ver­fü­gung stand. (Honi soit qui mal y pense!)

Schön auch zu sehen, dass auch von der Denk­mal­pfle­ge als ‘wert­voll’ ein­ge­stuf­te Häu­ser, den heu­ti­gen Bedürf­nis­sen der Bewoh­ner ange­passt wer­den dür­fen.
Wer fin­det im obi­gen Bil­der­ver­gleich wesent­li­che Unter­schie­de? — Neh­men Sie doch das Bild wei­ter unten zu Hil­fe. Es zeigt die Häu­ser Kirch­gas­se 23 und 25 wäh­rend des Hoch­was­sers im Jah­re 1906.

Süd­sei­te vor 1988

2017

1856 wur­de das Haus in zwei Wohn­hälf­ten geteilt, es gab fort­an also zwei Besit­zer. 1926 kauf­te Emil Sei­fert erst den einen und 1933 dann den ande­ren Teil.

Sei­ne Toch­ter, das Frl. Sei­fert (ja das durf­te, ja muss­te man damals sogar so sagen), das Fräu­lein Sei­fert also, durf­te in den dreis­si­ger Jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts kei­nen Beruf ler­nen, blieb aber ledig und erb­te letzt­end­lich die väter­li­che Lie­gen­schaft . Sie ver­dien­te ihren Lebens­un­ter­halt  mit Hilfs­ar­bei­ten in der Hüp­pen­fa­brik Gott­lie­ben oder als Hil­fe bei Schuh Habe­rer in Kreuz­lin­gen. Zudem ver­mie­te­te sie im Par­terre eine Woh­nung an ita­lie­ni­sche Gast­ar­bei­ter. So kam sie, beschei­den, wie sie war, eini­ger­mas­sen über die Runden.

Ber­thy Sei­fert — Auf­nah­me ca 1980

Dann aber kam die Zeit, als sie über den Ver­kauf des gros­sen Hau­ses nach­dach­te. Vie­les stand an: Die Hüp­pen­fa­brik woll­te ger­ne an der West­sei­te ein neu­es Fabrik­ge­bäu­de erstel­len, das Haus hat­te gehö­ri­gen Reno­va­ti­ons­be­darf und ein Ehe­paar gros­ses Inter­es­se an einem Kauf. So kam es, dass Frl. Sei­fert ver­kauf­te.
Sie, die nie gross Geld beses­sen hat­te, konn­te mit Bank­aus­zü­gen nicht viel anfan­gen. Sie sah wohl die Zah­len, aber nach dem Mot­to: Nur Bares ist Wah­res, äus­ser­te sie den Wunsch, ihr Geld zu sehen. Die neu­en Besit­zer, die dem Frl. Sei­fert ein Wohn­recht ein­ge­räumt hat­ten, merk­ten bald, dass ihr mit die­sem Wunsch sehr ernst war. So kam es, dass Frl. Sei­fert von den neu­en Besit­zern im Novem­ber 1987 nach Schal­ter­schluss zur Raiff­ei­sen­bank Täger­wi­len gefah­ren wur­de und vom neu­en jun­gen Bank­ver­wal­ter die Kauf­sum­me auf den Tisch gesta­pelt bekam! Jetzt konn­te sie sich davon über­zeu­gen, dass sie — für ihre Ver­hält­nis­se — reich war, konn­te ihr Geld in die Fin­ger neh­men und zur Beru­hi­gung des Bank­ver­wal­ters dann aber wie­der artig zur Auf­be­wah­rung geben und es nicht mit nach Hau­se neh­men.
Frl. Sei­fert war jetzt also eine rei­che Frau und ab dato benahm sie sich auch so! Nein, nicht über­trie­ben und ver­schwen­de­risch! Sicher nicht! Aber sie benahm sich so, wie in ihren Augen eine rei­che Frau sich benimmt: Sie speis­te jeden Sonn­tag in der Dra­chen­burg oder im Waag­haus.
Als eine der ers­ten Mie­te­rin­nen bezog sie dann eine klei­ne Woh­nung im neu­en Bin­ders­gar­ten und ist weni­ge Jah­re spä­ter lei­der viel zu früh verstorben.

zurück

 

 

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert