Ein ganzes Jahrhundert des Lebens im Rückblick
Als Joseph Franz Müller am 27. Januar 1926 im damals sogenannten «Hinterdorf» im Haus an der Kirchstrasse 21 als Sohn von Franz Gottlieb und Bertha Müller-Hartsch geboren wurde, war die Welt eine andere – auch in Gottlieben. Ein Jahrhundert des Lebens des ältesten Gottliebers im Rückblick.
Der Jubilar wuchs zusammen mit seiner Schwester Alice, die jetzt im Zürcher Oberland lebt, auf. Er besuchte ab 1933 in Gottlieben die Primarschule beim langjährigen Lehrer Walter Brauchli (an dessen «Tatzen» er sich noch heute erinnert) – zusammen mit Margot Meyer und Max Hummel, mit dem er von der 1. bis zur 6. Klasse die gleiche Schulbank teilte und mit dem ihn zeitlebens eine enge Freundschaft verband. «Aber im September 1980 fand unsere Verbindung ein jähes Ende. Max erlag unerwartet einer Herzschwäche. Ich vermisse ihn auch heute noch», schrieb Joseph Franz Müller 2024. Und darin weiter: An schönen Sommer- und Herbsttagen hätten sie «Indianerlis» gespielt. «Die Häuptlinge mit dichten Federbüschen auf dem Kopf waren stets die gleichen: Eugen Rohner, Walter Vollenweider, Max Hummel und ich. Leise schlichen wir im westlichen Schilfmeer durch das Gestäude und suchten nach den vermeintlichen Gegnern. Aber wir fanden meistens nur verlassene Vogelnester von Wildenten, Belchen und Möwen. Gegen Abend machten wir immer ein kleines Lagerfeuer mit Tee und gebratenen Härdöpfeln». Es müssen glückliche Jahre gewesen sein!
Von Gottlieben in die grosse weite Welt
Von 1938 bis 1940 besuchte Joseph Franz Müller die Sekundarschule in Tägerwilen, gefolgt von einem Jahr sogenannte «Fortbildungsschule», ebenfalls im Nachbardorf. Danach absolvierte der Jubilar bei der Damenkleiderfabrik Macola AG in Emmishofen eine kaufmännische Lehre. Und dann ging es in die grosse weite Welt: Zunächst nach Zürich, wo Joseph Franz Müller während sechs Jahren in einer «Disserationsdruckerei» arbeitete und sich daneben weiterbildete, dann für zwei Jahre nach Paris (für ein Praktikum) und für vier Jahre nach London (u.a. für eine Ausbildung zum Buchprüfer). Und schliesslich der grosse Sprung nach Südamerika, das für ihn zur zweiten Heimat werden sollte. Dort arbeitete er zunächst für ein amerikanisches Unternehmen in Bolivien, kehrte dann aber 1972 für kurze Zeit in die Schweiz zurück, wo er bei der Eternit-Gruppe in Niederurnen eine Anstellung fand. Für diese Firma war er anschliessend während zehn Jahren in Guayaquil in Ecuador tätig und machte sich 1982 selbständig mit der Lizenz für den Verkauf von Eternit-Produkten. Nach zwölf Jahren hat er sie verkauft und ist mit seiner Frau Gloria nach Cochabamba in Bolivien zurückgekehrt, wo sie aufgewachsen war.
Eine schöne Geschichte
Kennengelernt haben sich Gloria Bloch Ledezma (ihr jüdischer Grossvater stammte aus dem Elsass) und Joseph Franz Müller, «Joe» genannt, in La Paz. Joe habe bei der Grace Inc. gearbeitet, und Gloria als Sekretärin in einem Büro, das zu einem Ministerium gehörte. Ihr Chef habe bei der firmeneigenen Airline der Grace Inc. Schulden für ein Flugticket von ca. 1’300 US$ gehabt. Joes Assistent sei mehrmals vergebens in das Büro gegangen, um die Schuld einzutreiben. Der Assistent berichtete, der Chef sei nie da, aber da sei immer «eine gesessen, mit schönen gekreuzten Beinen». Schliesslich sei Joe persönlich zusammen mit seinem Assistenten hingegangen. Er habe der «Frau mit den gekreuzten Beinen» dann erklärt, wenn die Schuld nicht bezahlt werde, bekomme ihr Chef keine weiteren Flugtickets mehr. Sie wolle schauen, was sie machen könne, habe sie geantwortet, und sie sollen in einer Woche wieder kommen. Eine Woche später, sei der Scheck über die 1’300 US$ parat gewesen, sie hätten sich noch lange unterhalten, und er habe Gloria zur baldigen 1. August-Feier eingeladen, wie Joseph Franz Müller Cordi Thöny (auf dem Bild mit Joe), der Schweizer Honorarkonsulin im Konsularbezirk Cochabamba, erzählte. Sie betreut und unterstützt dort über 120 Landsleute und sie liest dem Jubilar auch immer die «Gottlieber Nachrichten» vor, weil sein Augenlicht das Lesen nicht mehr zulässt.
Viertgrösste Stadt Boliviens
Die viertgrösste Stadt Boliviens mit über 630’000 Einwohnerinnen und Einwohnern liegt auf über 2500 Metern über Meer in einem fruchtbaren und dicht besiedelten Tal mit einem moderaten Klima in den östlichen Anden. Das Wahrzeichen der Universitätsstadt ist die 1994 anlässlich eines Papstbesuchs errichtete grosse Christusfigur «Christo de la Concordia» (Bild), die mit 34,2 Metern um mehr als zwei Meter höher ist als ihr berühmtes Vorbild in Rio de Janeiro. Der während sieben Tagen die Woche geöffnete Markt «La Cancha» in Cochabamba ist gemäss Wikipedia der grösste in Südamerika.
Viele Reisen – auch nach Gottlieben
Mit seiner Frau Gloria hat Joseph Franz Müller immer wieder grössere Reisen unternommen, so 1966 eine eigentliche Weltreise. Weitere Reisen führten sie 1969 über die USA, Kanada, Island, Schottland und Skandinavien in die Schweiz und 1972 nach China. In den 1970er Jahren ist das Ehepaar in den Ferien regelmässig nach Gottlieben gekommen und hat meistens bei der Familie Maier in Tägerwilen wohnen können. Sie sei oft noch ein bis zwei Monate länger geblieben, nachdem er wieder nach Südamerika zur Arbeit zurückkehren musste, wie Joe Paul Keller erzählte. Er ist auch immer in Kontakt geblieben mit seiner nun im Zürcher Oberland wohnhaften Schwester und seiner Nichte in Altnau.
Besuche in Gottlieben sind Joseph Franz Müller in Anbetracht seines hohen Alters aber schon seit etlichen Jahren nicht mehr möglich. Mit den Telefonaten – neben jenen mit Paul Keller auch solche mit unserem Lokalhistoriker Rolf Seger — pflegt er den Kontakt mit seiner Heimatgemeinde aber auch weiterhin. Und 2022 hat er dem damaligen Gemeindepräsidenten Paul Keller durch Cordi Thöny anlässlich ihrer Reise in die Schweiz einen Zinnteller mit dem Wahrzeichen von Cochabamba (Bild) überbringen lassen, der seither im Sitzungszimmer im Gemeindehaus einen Ehrenplatz hat.
Dorfrundgang durch Gottlieben der 30er Jahre
2025 konnte Joseph Franz Müller bei bewundernswerter geistiger Frische in Cochabamba seinen 99. Geburtstag feiern. Aus diesem Anlass hatte der damalige Gemeindepräsident Paul Keller mit ihm wiederum ein längeres Telefongespräch geführt. Anschliessend hat der Jubilar die Erinnerungen an seine Kinder- und Jugendjahre in Gottlieben (1926 - 1947) schriftlich festgehalten. Daraus entstanden ist so etwas wie ein «Dorfrundgang in den 30er-Jahren».
Wir geben diesen Dorfrundgang nachstehend im originalen Wortlaut in blauer Schrift wieder. Ergänzungen zum besseren Verständnis vor allem durch Ortsangaben gemäss heutigen Bezeichnungen sind schwarz gehalten.
Ein Bauernhof mitten im Dorf
In meinen Jugendjahren kannte ich jedes Haus und jede Strasse und alle seine Bewohner beim Namen. Anbei einige Beispiele: Unser Lehrer Walter Brauchli wohnte im Schulhaus im ersten Stock. Altgemeindeammann Konrad Egloff wohnte in seinem grossen Bauernhof mitten im Dorf (Kirchstrasse 8, die Scheune an der Aalgasse wurde durch ein Doppeleinfamilienhaus ersetzt). Seine Kinder waren Konrad, Walter, Marianne und Trudi. Marianne hat sich später verheiratet mit dem Liechtensteiner «Sepp» Seger, einem guten Skifahrer und Kamerad. (Es sind dies die Eltern unseres Lokalhistorikers Rolf Seger.)
Der erste Spezereiladen
Meine Eltern wohnten im Hinterdorf, im Haus von Frau Marth (Kirchstrasse 21), wo sie den ersten Spezereiwarenladen im Dorf führte. Nebenan war das Haus von Fischer Meyer (Kirchstrasse 19). Seine Kinder waren Albert, Kurt (der nachmalige langjährige Gemeindeammann), Frida, Lilly und Margot, meine Klassengenossin. Gegenüber der Strasse war das grosse Haus der kinderreichen Familie Seydel (Kronengasse 1, das ehemalige Bezirksgebäude, auch «Weibelhaus» genannt). Die hatten auf der Seite der Kronengasse sogar einen Ziegenstall. Dieser musste nach mehreren Einsprachen der Nachbarschaft mit Widerstand wieder geräumt werden. Die Kinder hiessen Ruth, Elfried, Manuel, Reinhold, Arthur, Erika und Gerhard.
Nebenan war das Haus der Familie Mink mit Tochter Zita (Fischergasse 2). Etwas weiter unten war das Haus von Bildhauer und Holzschnitzer Jakob mit Sohn Ruedi (Fischergasse 4).
«Zwanzgerstückli» aus der Bäckerei
Schräg gegenüber unserer Wohnung war ein Zweifamilienhaus (Kirchstrasse 10, 2015 abgebrannt und wieder aufgebaut). Im rechten Teil wohnte die Familie Grimm mit den Söhnen und Kollegen Ernst und Hermann. Später heiratete Frau Grimm den norddeutschen Bootsbauer Erich Brunnert, und die Werft wurde umbenannt in Bootswerft Brunnert-Grimm (heute Kibag). Auf der linken Seite des Zweifamilienhauses wohnte die Familie Zimmermann. Das waren die Urgrosseltern der heutigen drei Gebrüder Grimm (Peter, ehemals Gemeindeammann, Erich und Thomas).
Weiter unten war das Haus von Altbäckermeister Eduard Helbling (Aalgasse 3) mit den Kindern Anna, Bertha und Walter (der dann die Bäckerei weiterführte). In seinem Laden kauften wir Schulkinder immer die cremigen «Zwanzgerstückli» und die mundigen Nussgipfel.
Idyllisches Hinterdorf
Westlich von unserem Haus wohnte die Familie von Malermeister Emil Seifert (Kirchstrasse 23). Die hatten seinerzeit drei Verdingbuben namens Georg, Ernst und Bernhard Künzli. Nebenan war das grosse efeubewachsene Haus (Kirchstrasse 25), bewohnt von den Eigentümern der Möbelfabrik Diener und Itt (wo heue die Hüppenbäckrei steht). Ganz nebenan war das Haus von Fischer Hippenmeyer («Haus zur Hoffnung» Kirchstrasse 27).
Und gegenüber der Strasse war der gepflegte grosse Garten der Familie Wegeli (heute Familie Brauchli). Elisabeth Wegeli war die Gründerin der Hüppenfabrik. Mit ihrer Tochter Berthy hatte ich — bereits in Bolivien — hie und da Briefwechsel. Sie war stets etwas besorgt um meine Gesundheit, arbeitete ich doch während meines ersten Vertrags in den Städten La Paz und Oruro auf über 3’600 m.ü.M.. Trotz den sauerstoffarmen Bedingungen in jenen Gebieten hatte ich glücklicherweise keine gesundheitlichen Schäden.
Die Kronen-Terrasse gab es schon damals
Etwas weiter vorne war das grosse Haus von den Fischern Vater und Sohn Meyer (Seeweg 3). Fast angebaut war das Haus der mysteriösen Frau Gemsjäger (Seeweg 1). Wenn wir Kinder im Gässli hinter ihrem Haus Versteckis spielten, hatten wir immer eine Heidenangst.
Gegenüber der Strasse war die Liegenschaft des Gasthauses Krone, geführt von den Geschwistern Maier. Die hatten gegenüber der Strasse einen grossen Garten (heute Kronen-Terrasse). Dieser verwandelte sich im Sommer in eine vielbesuchte Gartenwirtschaft mit direktem Blick auf den Seerhein und auf die vorbeifahrenden Raddampfer «Schaffhausen» und «Hohenklingen».
Bau des Seedamms anfangs der 30er-Jahre
Der heutige Seedamm wurde anfangs der 30er-Jahre konzipiert und gebaut. Die erste Teilstrecke führte von der Kronentreppe bis zur Waaghaustreppe. Der zweite Teil führte vom Wegelihaus bis zum Eingang der Grimm-Werft.
Mitten in der Seestrasse stand das gelbgetünchte Zollhaus (Seestrasse 7), bewohnt von den Zöllnern Osterwalder und Vollenweider. Zwei weitere Zollbeamte namens Rohner und Sulzer wohnten im Dorf.
Neben dem Zollhaus stand ein schmales Haus («Zur Rose», Seestrasse 5), bewohnt von der Familie Hans Häni mit den Kindern Elisabeth und Hanscaspar. Gleich daneben und gegenüber der Schifflände war das vornehme Haus Respinger, einer Basler Familie (Haus Hecht an der Seestrasse 3, heute zum Porto Sofie gehörig). Die bewohnten ihr Haus lediglich im Sommer für zwei bis drei Wochen.
«Waaghaus» war einst eine Schreinerei
Nebenan war das alte Steinhaus (Unteres Steinhaus, Am Schlosspark 9, heute zum Porto Sofie gehörig), im ersten Stock bewohnt von Fotograph Willy Müller. Im zweiten Stock wohnte die Familie Werner Wittich. Und im obersten Stock die Familie Scherrer mit den Kindern Selma, Erna, Emil und Kurt.
Anschliessend nach oben war die Wirtschaft Drachenburg (Am Schlosspark 7), geführt von Frau Ötiker. Gegenüber dem (Unteren) Steinhaus an der Ecke war die kleine Wirtschaft Waaghaus, geführt von den Grosseltern meines Schulfreundes Max Hummel. Die beiden grossen Räumlichkeiten gegen die Seeterrasse waren belegt von Schreinereien. Aber diese wurden später umgebaut in die heutigen Restaurantsäle. Neben dem Waaghaus war das Gasthaus Rheineck (Am Schlosspark 10, gehört heute zur Drachenburg & Waaghaus AG), geführt von der Familie Alois Baumeister. Die Kinder waren Bertha, Rosa, Fineli und Hans.
Im Schloss wohnte ein «Herr Baron»
Wenige Schritte nebenan war die Einfahrt zum Schloss (wo sie heute noch ist), vorbei an den beiden «Hussentürmen». Die Treppen dieser Türme waren seinerzeit in sehr schlechtem Zustand, aber wir Knirpse kletterten trotzdem hoch bis zur obersten Terrasse. Im Schloss selber wohnte in den 30er-Jahren ein deutscher Adeliger (Wilhelm Muehlon). Wir kannten seinen Namen nie, aber wir grüssten ihn immer mit «Herr Baron». Er kam seinerzeit vom Schlossgarten her und überquerte die kleine Brücke über den Schlossbach (Dorfbach), immer in Begleitung von zwei zahmen Bulldoggen, und ging in den grossen Schlosspark (südlicher Teil auf Tägerwiler Gemeindegebiet) spazieren.
Schuhmacherwerkstatt im Bodmanhaus
Neben der Drachenburg stand das Haus der Familie Konradi. Frau Konradi eröffnete den zweiten Spezereiwarenladen im Vorderdorf (heute «Dorflädeli»). Nebenan war das Alte Schulhaus (Am Dorfplatz 3). Ganz oben gab es Nähkurse. Im ersten Stock wohnte die Familie Wullschleger, und im Parterre waren die Geräte und die Wasserpumpe der Dorffeuerwehr. Nebenan war das heutige Bodmanhaus. Der Dichter Emmanuel von Bodman wohnte im obersten Stock. In der Mitte wohnte die deutsche Klavierlehrerfamilie Ullmer mit Sohn Till. Ganz unten im Parterre war die geräumige Werkstatt von Schuhmacher Hanselmann (heute Handbuchbinderei).
Küfer Meier im «Kuppelhaus»
Gegenüber der Wiese im alten Pfarrhaus (Am Dorfplatz 2) wohnte seinerzeit die Familie Karl Hummel, und nachher wohnte im gleichen Haus die Familie von Kunstmaler Ernst Iller mit Tochter Margot. Östlich des Schulhauses war ein schmales hohes Haus (Kirchstrasse 5). Im ersten Stock wohnte die Familie Cavelty, und im obersten Stock die kinderreiche Familie Trier. Nebenan in zwei Einfamilienhäusern wohnte die Familie Roth mit den Kindern Rosa und Traugott (Kirchstrasse 3, heute Fenstercafé NichtNur). Etwas weiter oben die Familie Fröhlich (Kirchstrasse 1).
An der Eingangsstrasse ins Dorf stand das Haus von Küfer Meier («Kuppelhaus», Am Schlosspark 3). Er hatte gleich nebenan seine Werkstatt, und seine Spezialitäten waren Pferdehufeisen und Stahlbänder für die grossen hölzernen Most- und Weinfässer.
Es gab einst eine Rosshaarspinnerei
Neben der Kirche war ein neueres dreistöckiges Haus. Im ersten Stock wohnte die Familie Willy Krüger mit den Kindern Ursula und Willy (Kirchstrasse 6). Herr Krüger arbeitete anfangs in der Werft der Familie Grimmm, aber später baute er westlich vom Espenweiher seine eigene Bootswerft mit eigener Wohnung.
Hinter der Kirche neben dem Friedhof (Kirchstrasse 11, heute Gemeindehaus) wohnte die Familie Weiler mit den Kindern Elisabeth, Konrad, Walter, Werner, Margreth und Annemarie. Herr Weiler war seinerzeit eine Art von Gemeindeweibel und Steuereinzieher.
Gegenüber der Wiese stand das stattliche Haus der Familie Wittich (Kirchstrasse 17) mit einem grossen Gartenumschwung nach hinten bis zur Ländlistrasse und bis zur Lohstampfistrasse. Vorne in der Nähe der Haupteinfahrt war die seinerzeitige Rosshaarfabrik (Kirchstrasse 15/15a) mit den Angestellten Konradi, Seydel und Schürer.
Im Espen-Quartier waren Schrebergärten
Zwischen dem Lohstampfibach und dem Espenweiher hatte es seinerzeit eine grosse baumlose Ebene (heute Espen-Quartier). Diese war unterteilt in ca. 20 Schrebergärten. Die einzelnen Parzellen wurden seinerzeit «Felder» genannt und bepflanzt hauptsächlich von den Bewohnern des Hinterdorfes. Nach der Abzweigung zur Krügerwerft gab es noch weitere vier Parzellen (heute Familiengärten). Die erste wurde von meinen Eltern bepflanzt. Die war immer in vorbildlichem und unkrautfreiem Zustand. Wir hatten unser eigenes Gartenhäuschen bunt bemalt in Gelb und Rot. Der Vater erhöhte die gesamte Anbaufläche mit hergebrachter Humuserde um ca. 20 cm, um unsere Saaten gegen die alljährlichen Hochwasser etwas zu schützen. Die Ernten all dieser Felder waren ein willkommener Zustupf für unsere Ernährung während den Kriegsjahren.
Die damaligen Standorte der drei Dorfbrunnen kenne ich auch heute noch auswendig (sie sind auch heute immer noch am gleichen Ort). Der erste war schräg gegenüber der Drachenburg. Der zweite zwischen der Kirche und dem Schulhaus und der dritte im Hinterdorf schräg gegenüber dem Haus von Fischer Hippenmeyer. Wir Schulkinder löschten unseren Durst direkt an der Brunnenröhre.
«Die alten Strassen noch»
Zu meinen Schuljahren existierte noch der kleine Gottlieber Männerchor dirigiert von Lehrer Walter Brauchli. Der Chor hatte ein Lieblingslied, das an allen den verschiedenen Anlässen immer wieder gesungen wurde. Die Anfangsstrophen machten mich in meinen letzten 20 Geburtstagen immer etwas traurig. Sie hiessen und heissen: Die alten Strassen noch, die alten Häuser noch, die alten Freunde aber sind nicht mehr.
Joseph Franz Müller schloss seinen «Dorfrundgang» mit den Worten:
«Sehen Sie, Herr Keller, meine Erinnerungen an meinen Geburtsort sind nach fast 100 Jahren noch so lebendig und präzis, als wäre ich erst vor kurzem ausgewandert».
Erinnerungen an eine glückliche Kindheit
Joseph Franz Müller hatte 2016 von Bekannten die damalige Imagebroschüre von Gottlieben erhalten und darin den Beitrag mit dem langjährigen Bürgerpräsidenten Hans Wittich gelesen. An ihn hat er sich darauf mit einem ausführlichen, per Fax übermittelten Brief gewandt. Die nachfolgenden Ausschnitte daraus geben einen Einblick in das Leben in Gottlieben zur damaligen Zeit, zum besseren Verständnis ergänzt (in kursiver Schrift) vor allem durch Ortsangaben
Anfangs der 1930-er Jahre wurde das Seeufer saniert und betoniert (die heutige Seepromenade). «Trotz jener Verschönerung deponierten leider die Ledischiffe Berge von Kies und Sand zwischen dem Waaghaus und der Krone», erinnert sich Joseph Franz Müller.
Heidenangst vor Frau Gemsjäger
Und weiter: «Unsere damaligen Spiele waren eher von harmloser Art: Versteckis, Hasli, Völkerball und ‘Indianerlis’. Beim Versteckis benutzten wir oft das Gässli (den Hochwasserweg zwischen Kronen- und Fischergasse), hatten aber jeweils eine Heidenangst vor der mysteriösen Frau Gemsjäger, die in jenem Eckhaus (am Seeweg 1) gegenüber der Krone wohnte und uns stets mit einem Besen bedrohte. An heissen Sommertagen durften wir mit der Schule baden gehen, aber nicht etwa am Espenufer oder am unteren Seearm. Nein, unser Strand war neben dem Wegelihaus (also beim sogenannten Wegeli-Schlipf beim Seecafé wie heute), dort wo Fischer Hippenmeyer seinen Gondelplatz hatte. Da lernten wir unter Lehrer Brauchlis Aufsicht schwimmen und tauchen».
Eishockey mit Blechbüchse als Puck
Weiter erinnert sich Joseph Franz Müller: «Alt Bäckermeister Helbling war ein guter Mensch. Wir brachten ihm oft einen grossen Apfel und er backte uns gratis einen schmackhaften Öpfelwegge». Und in der gleichen Gegend: «In der Kronengasse, neben dem Haus Seydel, funktionierte im Parterre (wo später die Galerie von Werner Eberli war) das Malergeschäft von Maler Emil Seifert und ganz oben eine Vorhangnäherei.»
«Im Winter tummelten wir Buben uns auf dem gefrorenen Espenweiher. Es gab Hockeyspiele mit selbstgefertigten Stöcken, und als Puck diente uns eine flachgedrückte Blechbüchse».
«Mitten im Dorf hatten wir seinerzeit den Bauernhof der Familie Egloff. Die Kühe wurden jeweils mit Glockengeläut zur Weide geführt, aber auf dem Hin– und Rückweg hinterliess das Vieh jene unangenehmen ’grünen Pflaster’, und niemand bemühte sich, die Sache rasch wegzuputzen, denn am folgenden Tag wiederholte sich die gleiche Bescherung.»
«Ein beliebter Treffpunkt in unseren jungen Jahren war die Schiffländi, gegenüber der Rampe unter der Arkade des Respingerhauses («Haus Hecht» an der Seestrasse, heute zum «Porto Sofie» gehörig). Da hatte es zwei grosse braune Bänke und da war unsere Domäne.»
Entbehrungsreiche Kriegsjahre
«Unsere Sekundarschul- und Lehrzeit fiel leider mitten in die Kriegsjahre von 1939 – 1945. Lehrer und Lehrmeister waren oft abwesend im Aktivdienst und wir Jungen wurden zum Landdienst bei den Bauern aufgeboten. Es war eine Zeit mit vielen Entbehrungen. Eine davon war auch die strenge Rationierung mit den knapp zugeteilten Lebensmittel- und Mahlzeitencoupons. Aber mit Disziplin und gutem Willen haben wir jene düstere Periode überstanden.
Während der Aktivdienstzeit wurde in den leerstehenden Räumen der einstigen Möbelfabrik Diener & Itt (wo heute die Hüppenbäckerei ist) eine Grenzschutzbrigade einquartiert. Die meisten Soldaten kamen aus den umliegenden Dörfern und waren mit den lokalen Örtlichkeiten bestens vertraut. Für uns Jungen war es jeweils ein Ereignis, dem Ein- und Ausmarsch der Truppe und dem abendlichen ’Hauptverlesen’ zuzusehen. Erst viele Jahre später machte ich mir oft Gedanken: Was wäre wohl aus uns Jungen geworden, wenn die prekären Stellungen unserer Väter im Schlosspark, im Tägermoos und auf dem Seerücken vom mächtigen Nachbarn überrollt worden wären …».
LEBENSLAUF
1926
Geburt am 27. Januar im Hinterdorf, Kirchstrasse 21, in Gottlieben – Mutter: Bertha Hartsch und Vater: Franz Gottlieb Müller sowie Schwester: Alice geb. 1934
1933
Primarschule in Gottlieben bei Lehrer Walter Brauchli – mit Klassenkameraden Margot Meyer und Max Hummel
1938–40
Sekundarschule in Tägerwilen: Lehrer Reinhard Schoop und Robert Kuhn – Mitschüler aus Gottlieben: Margot Meyer, Traugott Roth, Elsa und Hans Thrier sowie Werner Weiler
1941–43
nach Sekundarschule u.a. ein Jahr „Fortbildungsschule“ in Tägerwilen
1943–46
KV-Lehre in Damenkleiderfabrik Macola AG in Emmishofen und anschliessend noch ein Jahr in dieser Firma gearbeitet
1947–53
nach Zürich – Arbeit in „Dissertationsdruckerei Lehmann AG“ und Abendkurse für „Fortgeschrittene Buchhaltung“ sowie Spanischkurs
1953–56
in London – Kurs für Buchprüfer am „Swiss Mercantile College“ und Anstellung in einer Damenhutfabrik (u.a. Hüte für Queen Elizabeth II)
1956–58
ein Jahr Ausbildung in Paris und zurück nach London für Praktikum
1958
Ankunft in La Paz, Bolivien – Anstellung bei „W.R. Grace & Co.“, einem amerikanischen Multi (u.a. Minen)
1960
Heirat mit Gloria Bloch Ledezma, aus Cochabamba stammend
1966
zweimonatige Weltreise mit folgenden Stationen: Kolumbien, Mexiko, San Francisco, Hawai, Tokyo, Manila, Hongkong, Bombay, Kairo, Jerusalem, Istanbul und Athen – Erholung bei Ruedi und Hanni Maier am Rüselweg in Tägerwilen
1969
zweite Reise mit den Zielen: Miami, New York, Niagara Falls, Ottawa, Reykjavik, Glasgow, Oslo, Stockholm und die Schweiz
1972
und dritte grosse Reise nach China: Peking, Shanghai und Hongkong. Wegen Konfrontation zwischen Südamerikanischen Staaten und den USA zieht sich «W.R. Grace & Co.» aus Bolivien zurück – daher Rückkehr in die Schweiz – Anstellung bei Eternit-Gruppe, Niederurnen
1972–82
nach Guyaquil, Equador – Verwaltungs- und Finanzchef in der Firma Eternit-Gruppe (Zement- und Asbestindustrie)
1982
Gründung einer eigenen Firma mit Lizenz für den Alleinverkauf von Eternit-Produkten (Flachplatten, Dellplatten und Wassertanks)
1995
Verkauf seiner Firma wegen Deflation, als Pensionär Umzug nach Cochabamba, Bolivien
2020
Tod von Ehefrau Gloria während der Corona-Pandemie
2016
Kontaktaufnahme mit Hans Wittich, Bürgerpräsident, auf Grund der Imagebroschüre von Gottlieben und danach Zustellung eines Texts über seine Jugendzeit in Gottlieben – in der Folge Kontakt mit Lisa Raduner, Gemeindepräsidentin, und ab …
2019
intensiver Kontakt mit Gemeindepräsident Paul Keller, welcher eine ganz besondere Begegnung ermöglicht hatte, und zwar ein …
2021
Telefonat zwischen Erwin Meyer und Joseph Müller am 12. Februar, einen Tag nach dem 100. Geburtstag von Erwin Meyer
2025
längeres Telefonat von Paul Keller mit «Joe» Müller – daraufhin verfasste dieser seine Erinnerungen an die Kinder- und Jugendjahre in Gottlieben, welche sich wie ein «Dorfrundgang in der 30er-Jahren» lesen
2026
Einen Sprachanruf am 7. Januar schliesst er ab mit «Viva Gottlieben», zum 100. Geburtstag am Dienstag, 27. Januar 2026, gratulieren die Gottlieberinnen und Gottlieber, die Politische Gemeinde und der Einwohnerverein dem Jubilar und «Götti» von Gottlieben mittels Videokonferenz – zudem erscheint eine Sonderausgabe der «Gottlieber Nachrichten», welche die vielfältigen Beziehungen des Jubilars zu seiner Heimatgemeinde zeigt.
Diese vielen Informationen, Bilder, Texte verdanken wir Martin Bächer, Gottlieben und Rolf Seger, Tägerwilen. Sie haben damit wesentlich dazu beigetragen, dass der älteste Gottlieber eine wunderbare Überraschung zu seinem 100.Geburtstag erleben durfte.
Herzlichen Dank
02.02.2026
Lieber Bruno
Vielen Dank für diese schöne Präsentation der diversen Texte, der Photos vom Jubilar mit seinen treuen Helferinnen und der Sonderausgabe der “Gottlieber Nachrichten”, welche Joseph “Joe” Franz Müller aus Anlass seines 100. Geburtstags erhalten hat. Und auch die Live-Schaltung nach Cochabamba, Bolivien, ist geglückt und sehenswert. Das ist nun noch eine erfreuliche Ergänzung zum Blog im “Einwohnerverein Gottlieben”.
Mit freundlichen Grüssen Rolf